Geschäftsbericht
2020
12/44

UNSER WASSER – UNSERE VERANTWORTUNG

Dem Klimawandel auf der Spur

Forscher erproben Frühwarnsystem für die Küste

Dem ein oder anderen Spiekeroog-Kenner mag der kleine Stromkasten mit seinem Solarpanel mitten im Dünenschutzbereich aufgefallen sein. Was man nicht vermutet: Darunter liegt eine filigrane Grenze.

Die Wissenschaftler würden am liebsten an allen Küsten ein solches Frühwarnsystem installieren

Im Juli rumpelte es plötzlich durch Spiekeroogs Wüppspoor: Ein Bohrkran, ein langes Rohr, Kabelage und Wissenschaftler hatten die autofreie Insel geentert. Ihr Ziel: Im Dünenschutzbereich sollte ein rund 50 Meter tiefes Loch gebohrt und darin besagtes Rohr versenkt werden. Doch zum Anfang.

Der Klimawandel ist für Wissenschaftler schon lange allgegenwärtig, der Rest der Bevölkerung spätestens seit Greta Thunberg und Fridays for Future informiert. Dennoch bleibt er für das Gros abstrakt. Ihn sichtbar zu machen und vor allem seinen Folgen früh genug zu begegnen, ist das Ziel, das sich der OOWV und das Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik (LIAG) gesetzt haben.

„Als Wasserversorger der Region müssen wir Entwicklungen frühzeitig erkennen“, sagt Dr. Konstantin Scheihing, Leiter des Projekts beim OOWV. Endverbraucher in neun Landkreisen, 20 Städten und 56 Gemeinden sind von diesen Entscheidungen direkt betroffen. Das sind fast 400.000 Haushalte. „Wir entwickeln unsere Förderkonzepte langfristig, nachhaltig und der jeweiligen Region angepasst“, erklärt Scheihing.  


» Als Wasserversorger der Region Entwicklungen frühzeitig erkennen 
Dr. Konstantin Scheihing


Förderraten anpassen, Wasser als Ressource schützen  

Und an dieser Stelle kommt die Wissenschaft ins Spiel. Aus der Süßwasserlinse der Insel Spiekeroog fördert der OOWV das Trinkwasser für Insulaner und Touristen. Denkt man über Meeresspiegelverschiebung, Polarkappenschmelze und trockene Sommer nach, schrillen zwar nicht gleich die Alarmglocken, aber Sorge breitet sich aus. Denn „wenn ein Brunnen versalzen ist, lässt sich das schwer rückgängig machen“, sagt LIAG-Geophysiker Dr. Mathias Ronczka.

SAMOS wurde am LIAG entwickelt und erstmals 2009 in einem Projekt eingesetzt. Auch wenn es griechisch klingt, so hat SAMOS nichts mit der Insel in der Ägäis zu tun. „SAMOS steht für Salzwasser-Monitoring-System“, klären die Geophysiker des Leibniz-Institutes in Hannover auf. „Damit beobachten wir die schleichende Verschiebung der Grenze von Salz- und Süßwasser und können feststellen, wenn Handlungsbedarf besteht“, erklärt Dr. Helga Wiederhold. So können Förderraten angepasst und Wasser als Ressource geschützt werden. 

Wie es funktioniert, bringt Ronczka am SAMOS-Modell auf den Punkt: „Mithilfe der Geoelektrik-Kette von SAMOS messen wir in Abständen von 25 Zentimetern den Widerstand des Untergrunds.“ Süßwasser ist leichter als Salzwasser, deswegen bilden sich die Linsen, derer sich der OOWV zur Wasserversorgung bedient. „Die Wasserlinsen werden auf den Inseln nur durch Regenfälle gespeist. Das bedeutet, dass vermehrter Tourismus und trockene Sommer direkte Auswirkungen auf die Süßwasservorkommnisse haben, durch einen erhöhten Wasserbedarf“, erklärt Wiederhold die Fragestellung des Forschungsprojekts. Saisonal steigende Grundwasserentnahmen im Zusammenspiel mit Auswirkungen des Klimawandels könnten also zu einer spürbaren Verschiebung der Salz- und Süßwassergrenze führen. Genau da setzt SAMOS an.

Die Wissenschaftler sprechen von einem Frühwarnsystem, das sie am liebsten an allen Küsten installieren würden. Auf Borkum sammeln sie die Daten schon seit 2009. „Die Salzwasserverschiebung ist ein schleichender und sehr langsamer Prozess“, sagt Wiederhold. Auf Borkum sind diese Zeichen bereits erkennbar, und der dortige Wasserversorger muss über Alternativen nachdenken.

Tummelplätze der Grundlagenforschung

Nun entstehen dank der Zusammenarbeit mit dem OOWV neue Tummelplätze für die Grundlagenforschung. „Seit 2013 arbeiten wir mit dem Verband, für uns ist die Kombination aus Praxis und Forschung ideal. Mit der zweiten Samos-Anlage in Sandelermöns ermöglicht uns der OOWV die Forschung am Festland“, erläutert die Wissenschaftlerin, die sich einen europäischen Ausbau des Projektes vorstellen könnte. Ziel soll ein Frühwarnsystem sein. „Ideal wäre es, wenn in Brake eine rote Lampe aufleuchtet, wenn das Salzwasser auf dem Vormarsch ist“, wagt sie zu träumen. Bis es so weit ist, freut sich Mathias Ronczka über „einen Partner, der so innovativ und aufgeschlossen gegenüber neuen Technologien ist wie der OOWV“.

Die Sicherheit der Wasserversorgung gewährleisten

OOWV-Hydrogeologe Scheihing sieht in der SAMOS-Messstelle einen entscheidenden Schritt für eine langfristig nachhaltige Grundwasserbewirtschaftung auf Spiekeroog: „Als öffentlich-rechtlicher Wasserverband haben wir die verantwortungsvolle Aufgabe, die nachhaltige Bewirtschaftung der Grundwasserressourcen in der Region unter Wahrung einer allseits ­gegebenen Wasserversorgungssicherheit für ­unsere Kundinnen und Kunden zu gewährleisten. Die Forschungskooperation mit dem LIAG und der Bau des SAMOS-Monitoringsystems ist für uns ein weiterer wichtiger Baustein, ­um dieser Verantwortung bestmöglich nachzu­kommen.“

Leitet das Projekt auf OOWV-Seite: Dr. Konstantin Scheihing

Dr. Konstantin Scheihing, OOWV
Leiter des auch als go-CAM (Coastal Aquifer Management) bezeichneten Projektes zum Grundwasserschutz ist beim OOWV Dr. Konstantin Scheihing. Bei der Suche nach den geeigneten Standorten leistete er die konzeptionelle und fachliche Beratung vor Ort. Für den Hydrogeologen, der im ständigen Austausch mit den Wissenschaftlern aus Hannover steht, ist das Leibniz-Institut das deutschlandweit renommierteste Fachinstitut für Geophysik und damit der perfekte Projektpartner für den OOWV.